Wenn Nähe gegen Einsamkeit hilft

Geschrieben am 07.10.2026
von Hermann Garrelmann

Bild oben: Dr. Christoph Hutter, Diplom-Theologe und Diplom-Pädagoge, sprach vor Meppener Senioren über die unterschiedlichen Facetten des Themas Einsamkeit. 

Mehr als 130 Seniorinnen und Senioren kamen in Meppen-Bokeloh zusammen. Es ging um ein Thema, das viele Menschen betrifft – und über das trotzdem noch immer zu wenig gesprochen wird: Einsamkeit.

Ein voller Saal, angeregte Gespräche und viele bekannte Gesichter: Im Dorfgemeinschaftshaus in Meppen-Bokeloh wurde an diesem Nachmittag deutlich, was Gemeinschaft bedeuten kann. Mehr als 130 Seniorinnen und Senioren waren der Einladung der Seniorenvereinigung Meppen und der Telefonseelsorge Emsland gefolgt.



Einsamkeit? In Bokeloh gab es bei den Senioren "volles Haus". 
Fotos: Seniorenvereinigung Meppen

Eigentlich ein ganz alltägliches Bild. Menschen treffen sich, trinken gemeinsam Kaffee, tauschen sich aus. Doch genau darin lag die besondere Bedeutung dieser Veranstaltung. Denn im Mittelpunkt stand ein Gefühl, das oft im Verborgenen bleibt: Einsamkeit.

Unter dem Titel „Einsamkeit verstehen und gemeinsam überwinden“ sprach Dr. Christoph Hutter über die unterschiedlichen Facetten des Themas. Der Diplom-Theologe und Diplom-Pädagoge leitet die Familienberatung im Bistum Osnabrück und fand schnell einen persönlichen Zugang zu seinem Publikum.

Hutter machte zunächst einen wichtigen Unterschied: Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein.

Allein zu sein, kann wohltuend und selbst gewählt sein. Einsamkeit hingegen entsteht dort, wo Nähe und Verbundenheit fehlen – und dieser Mangel als schmerzhaft empfunden wird. Für das menschliche Gehirn bedeute Einsamkeit, dass „etwas schmerzlich vermisst“ werde.

Besonders schwierig wird es, wenn dieser Zustand anhält. Dann kann ein Kreislauf entstehen, aus dem Betroffene nur schwer wieder herausfinden: Sie ziehen sich zurück, vermeiden Kontakte, werden misstrauischer – und erleben dadurch noch weniger Begegnung.

„Einsamkeit isoliert, macht krank und kann letztlich sogar lebensbedrohlich sein“, warnte Hutter.

Einsamkeit kann viele Ursachen haben. Sie kann nach dem Verlust eines Partners oder einer Partnerin entstehen, durch die Belastungen einer langjährigen Pflege oder durch einschneidende Veränderungen im Leben.

Auch Alleinerziehende, Arbeitslose und Menschen mit geringem Einkommen seien häufiger betroffen. Das Alter allein, so Hutter, mache dagegen nicht einsam. Allerdings können gesundheitliche Einschränkungen oder Erkrankungen mit zunehmendem Alter dazu beitragen, dass soziale Kontakte schwieriger werden. Besonders bemerkenswert sei der hohe Anteil einsamer Menschen in Pflegeeinrichtungen.

Dabei braucht der Mensch Gemeinschaft. Hutter beschrieb Einsamkeit auch als ein Ungleichgewicht zwischen dem „Ich“ und dem notwendigen gesellschaftlichen „Wir“. Wo dieses „Wir“ dauerhaft fehlt, kann aus gelegentlichem Rückzug soziale Isolation werden.

Und Einsamkeit belastet nicht nur die Seele. Chronische Einsamkeit bedeutet für den Körper dauerhaften Stress und kann die psychische wie auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigen.

Doch der Nachmittag in Bokeloh sollte nicht bei der Problembeschreibung stehen bleiben. Hutter zeigte auch Wege auf, wie Einsamkeit überwunden werden kann.

Bei chronischer Erkrankung können Beratung und Therapie notwendig sein. Auch Politik und Gesellschaft seien gefordert, stärker über das Thema aufzuklären und passende Angebote zu schaffen. Vor allem aber brauche es Orte, an denen Menschen unkompliziert miteinander in Kontakt kommen können. Man müsse sich den einsamen Menschen „in den Weg stellen“, brachte Hutter es auf den Punkt.

Das kann bedeuten, den Nachbarn anzusprechen, einen Kontakt nicht abreißen zu lassen, jemanden zu einem Spaziergang einzuladen oder selbst einmal ein neues Angebot auszuprobieren.

Oft sind es nicht die großen Ereignisse, die den Unterschied machen. Ein kurzer Plausch, ein regelmäßiger Treff oder ein vertrautes Gesicht können bereits ein Stück Verbundenheit schaffen.

Wie einfach eine solche Idee funktionieren kann, zeigte Hutter mit einem Beispiel aus den Niederlanden. Dort gibt es in einigen Einkaufszentren sogenannte „Klön- und Quasselkassen“. An diesen speziell gekennzeichneten Kassen steht nicht allein der schnelle Einkauf im Mittelpunkt. Hier darf miteinander gesprochen werden. Ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch können zu einem kleinen, aber wertvollen Moment menschlicher Nähe werden.



Der Seniorenchor „60plus“ des Dekanats Emsland-Mitte unter der Leitung von Wilfried Hagemann übernahm den musikalischen Part.

Auch in Meppen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Gemeinschaft zu erleben. Richard Peters, Vorsitzender der Seniorenvereinigung Meppen, verwies auf die örtlichen Seniorengruppen sowie auf die vielfältigen Angebote von Vereinen und Organisationen. Sie alle können dazu beitragen, der zunehmenden gesellschaftlichen Individualisierung etwas entgegenzusetzen.

Doch Angebote allein reichen nicht. Sie müssen auch angenommen werden. Wie wichtig das ist, wurde an diesem Nachmittag unmittelbar spürbar. Bei Kaffee, Kuchen und Schnittchen kamen die Besucherinnen und Besucher miteinander ins Gespräch. Es wurde erzählt, gelacht und zugehört. Die Gemeinschaft, über die zuvor gesprochen worden war, wurde damit selbst zum Erlebnis.

Den Abschluss bildete eine ökumenische Andacht mit den Pastoren Gerd Veltmann und Günter Wessendorf. Musikalisch begleitet wurde sie vom Seniorenchor „60plus“ des Dekanats Emsland-Mitte unter der Leitung von Wilfried Hagemann.

Was von diesem Nachmittag bleibt, ist deshalb mehr als ein Vortrag über Einsamkeit. Es ist die Erinnerung daran, dass Gemeinschaft nicht selbstverständlich ist – aber gestaltet werden kann.

Manchmal braucht es dafür nicht viel: einen Anruf, eine Einladung, ein offenes Ohr oder den Mut, auf einen anderen Menschen zuzugehen.

Denn Einsamkeit beginnt dort, wo Verbindung fehlt. Und überwunden werden kann sie dort, wo Menschen wieder aufeinander zugehen.